„Die vier Temperamente“ als überzeugende Chor-Performance in Hermannsburg
Vokalkreis Bielefeld und Pantomime Zigmas Kudra faszinieren vom ersten bis zum letzten Ton

Die Hermannsburger Peter-und-Paul-Kirche ist immer wieder einen Besuch wegen eines Konzertes wert - es finden dort regelmäßig ausgesprochen ambitionierte Veranstaltungen statt, die ein nicht nur erstaunlich großes, sondern auch ein aufmerksames, offenes Publikum finden. Kein Wunder, das sich die auftretenden Künstler hier spürbar wohl fühlen und deshalb besonders überzeugend agieren. Beim Konzert des Bielefelder Vokalkreises war dies jetzt auf das Schönste zu erleben.

Dass dieser kleine, halbszenisch agierende Kammerchor auf einem exzellenten Niveau singt, war bereits im letztjährigen Konzert hier zu erleben. (…..) Der 14-köpfige Chor, ein wahrhaftes Kollektiv ohne Leiter, sang mit einer Stimmschönheit und einer Sicherheit, als ob sie das jeden Tag machen würden. Leuchtende Soprane und runde, sehr volle, aber nie brüllende Bässe bilden den Klangrahmen. Aufgefüllt wird dieser mit warmen Altstimmen und kultiviert zurückhaltenden, bei Bedarf aber auch durchaus profilscharfen Tenören. Alleine schon die daraus resultierende Klangkultur und Homogenität zu erleben, war ein Genuss. Die Arbeitsweise ohne Dirigenten macht es nötig, dass alle genau aufeinander hören und erzwingt geradezu höchste Konzentration. Daraus ergibt sich fast zwangsläufig auch im Künstlerischen eine innere Einheit, die imponiert. Die romantischen Gesänge aus der Feder von Johannes Brahms und Felix Mendelssohn-Bartholdy gelangen wir aus einem Guss. Gleiches gilt für die harmonisch so modernen Stücke aus der Feder des 1560 geborenen Carlo Gesualdos.

Das Motto des Konzertes lautete „Die vier Temperamente“. Dargestellt wurden diese aber nicht nur musikalisch, sonder in Form einer halbszenischen Performance. Jedes Stück wurde nicht nur gesungen, sondern auch mit einfachen Mitteln szenisch interpretiert, also gespielt. Die von Passivität und friedlicher Naturidylle kündende „Waldesnacht“ (Phlegmatiker) von Johannes Brahms begann als Raummusik, bei der die Sänger im ganzen Kirchenschiff verteilt sitzen und dann langsam in den Chorraum gehen. Bei den Choleriker-Stücken hingegen beschimpfte man sich auch schon einmal pantomimisch gegenseitig. Zusammengehalten wurde die Collage aus Musik vierer Jahrhunderte durch den Pantomimen Zigmas Kudra, der durch sein szenisches Spiel eine eigene Interpretation der vier Temperamente hinzufügte und so, ganz nebenbei, einem möglichen Spannungsabfall zwischen den Stücken entgegenwirkte: ein einfacher, aber gelungener Trick.

aus der Cellesche Zeitung vom 18.1.2005, Autor: Reinald Hanke
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